Schillig 1992
 
„... da wir im nächsten Jahr die Fahrräder von allen Teilnehmern mitnehmen möchten!“
 
So stand es in unserem Anmeldeschreiben vom letzten Jahr. Doch auf was hatten wir uns da eingelassen?! Zum vierten Mal wollten wir einer ungezähmten Horde Kinder zeigen, was es heißt, Urlaub zu machen. Nicht einfach nur faul in der Sonne liegen – nein!! Wir wollten 14 Tage Unterhaltung und Spaß haben, dabei vielleicht auch noch was für´s Leben lernen.
Eigentlich eine recht gute Idee, und damit wir auch was zu sehen bekommen von dem vielen Land und der weiten Umgebung, nahmen wir unsere Fahrräder mit.
Mit einigem Drücken und Schieben paßten die Fahrräder recht gut auf unseren LKW, auch haben wir sie in Schillig heil und schnell wieder vom LKW abgepackt bekommen, aber dann ging es los!
Vor jeder Tour mußten Reifen aufgepumpt werden, Pedale , Lenker und Bremsen repariert werden. Schlösser mußten geknackt werden; wegen der Achten in den Rädern haben wir dann einen Fahrradmeister aufgesucht, und wenn mal gar nichts ging, wurden die Fahrräder halt getauscht. Einer blieb ja eh immer zu Hause!
Aber dafür haben wir auch sehr schöne Fahrradtouren unternommen. Na gut, die Tour nach Hooksiel gleich am Samstag war vielleicht ein wenig anstrengend. Aber das lag ja nun wirklich nur am Wind. Dafür hatten wir eine sehr schöne Pause in Hooksiel am Hafen.
Auch unser Tagesausflug, den wir nach Altfunnixsiel zum Lüttje-Land unternommen hatten, war sehr schön. Die Strecken waren nicht zu lang; einige hatten sogar eine Imbißbude auf der Strecke. Na das war wieder eine Fresserei. Die Gruppe, die bei Ulrike und Emil am Bauernhof vorbeikam, hatte es auch recht gut. Kekse, Getränke und sogar ein Eis gab es dort. Die zweite Gruppe hat, soweit ich richtig informiert bin, den ersten besten Eiswagen „gestürmt“. Aber die dritte Gruppe mußte ja auch über Harlesiel zum Lüttje-Land fahren. Und bis Harlesiel ist es ja auch ganz schön weit. Da können auch die beiden Gruppen der Fahrradjagd mitsprechen, die sich verfahren haben. Wenn wir alle Pfeile gefunden hätten, wäre es ja in Ordnung gewesen, aber so haben wir fast 10 km umsonst gestrampelt – und die Hälfte davon gegen den Wind. Dafür haben wir aber auch den Flughafen von Harlesiel gesehen. Und einer von uns kennt die Flugzeuge bestimmt beim Namen. Er mußte den ganzen Nachmittag dort warten, da sein Reifen kaputt war. Und abholen konnten wir ihn erst, nachdem wir das erzählen konnten. – Und das hat gedauert.
Wir mußten den Weg zurück. Gegen den Wind, aber mit den Kindern; den einen schieben, den anderen anfeuern, den dritten freundlich darauf aufmerksam machen, endlich mit dem Meckern aufzuhören, dem vierten eine Möglichkeit suchen, mal für „kleine Jungs“ zu gehen und dem fünften klar machen, daß er es selbst Schuld ist, wenn er Durst hat – er hat sich schließlich nichts zu trinken mitgenommen. Da fragt man sich, warum man nicht in Spanien Urlaub macht, anstatt hier Fahrrad zu fahren. Das war wahrscheinlich auch noch der Tag, wo ich nachts um 4 Uhr nochmal geweckt worden bin, weil nochmal einer um diese Zeit gebrochen hat. Schön – er hat gebrochen, ich war wach – aber wenigstens ist dieser Traum vom Fahrradfahren zu Ende....
Doch ist die Gefahr auch sehr groß, beim Fahrradfahren mal einen zu vergessen. Erst fährt man am Ende, damit man die letzten antreiben kann; fährt dann schnell an die Spitze, um den Weg zu erkunden, und schon ist einer nicht mehr da. Eigentlich wollte sie nur eine Luftpumpe aufheben – aber schon war die Gruppe weg (hinfort). Mit dem Orientierungssinn hapert es bei unseren Kindern noch ein wenig.
Doch wir sind ja nicht nur Fahrrad gefahren!! Wenn man schon an die Nordsee fährt – und das haben wir ja getan – dann muss man an den Strand.
Also los: Plan raus – Aha, Wasser kommt um 11 Uhr – Alle Mann um 13.30 Uhr zum Strand – ins Wasser – Paddelboot aufpumpen, und schon ist das Wasser wieder weg. Nicht, weil das Wasser uns gesehen hat oder vielleicht sogar jemand reingepullert hat. Nein, zweimal am Tag ist das Wasser einfach weg. Doch auch, wenn sich das Wasser zurückgezogen hat, die Marienkäfer waren immer noch da. Und nicht nur in kleinen Mengen – nein, die kamen in solchen Scharen, daß man gar nicht so schnell um sich schlagen konnte, wie sie sich auf einen gesetzt haben. So haben die meisten das mit dem Strand und dem Wasser gelassen und dafür Volleyball gespielt.
Ich muß aber aus eigener Erfahrung sagen, daß man im Wasser Ruhe vor den Marienkäfern hatte – dafür hatte man nur ein paar kleine Quallen, die von einigen als ekelig bezeichnet wurden ...
Dabei konnte man so tolle Dinge am Strand machen: das fing mit Beachvolleyball an, man konnte tolle Strandburgen bauen, eine Strandolympiade veranstalten und man konnte auch gut Leute einbuddeln – so weit, bis das sie aufhören zu meckern!
Schön war es auch, sich im Matsch einzusuhlen. Leider haben wir es nicht zu einer richtigen Schlammschlacht gebracht. Dabei konnte man so gut im Watt herumspringen oder aber auch einsinken. Man konnte aber auch gut Wattwanderungen unternehmen. Mit Führer, wo wir bald in ein starkes Gewitter gekommen waren oder auch ohne Führer. Die waren eigentlich viel spaßiger, weil einige so tief ins Watt eingesunken sind, daß man selbst ihre Gummistiefel nicht mehr sehen konnte.
Doch war das Geschreie wieder groß, wenn einer mal in eine Muschel getreten war oder sich den Zeh an dem alten Wrack geratscht hat. Es fehlt nicht mehr viel, und wir hätten sie mit einer Trage aus dem Watt herausholen müssen. Aber zurück zu unserem Burgbau. Wir hätten an diesem Tag jeden Burgenbauwettbewerb gewinnen können, so kräftig wurde gebaut. Einige Burgen sind zwar etwas kleiner ausgefallen, als eigentlich vorgesehen war, aber die Bedingungen über Größe und Stabilität haben fast alle Burgen erfüllt. Das lag bestimmt an demjenigen, der nicht dem allgemeinen „Buddelwahn“ verfallen ist. So konnte sich wenigstens einer der Betreuer um die Kinder kümmern, sie anspornen und mit Halbmonden vollstopfen. Mich konnten die Kinder noch ansprechen. Die anderen Betreuer haben ein Loch in den Sand gebuddelt und fühlten sich wahnsinnig wichtig. Ich habe meine eigene Burg ein paar Tage später gebaut – klein aber fein. Aber trotz dieser Buddelei; nur wenige hatten anschließend Blasen oder Muskelkater.
Dabei mußten wir für ein anderes Spiel noch einmal den halben Strand umgraben. Eigentlich ein schönes Spiel. Da sitzen die Betreuer in ihren Vorbesprechungen zusammen, die Köpfe rauchen, weil sie sich neue und lustige Spiele einfallen lassen möchten. Es fällt ihnen sogar einiges ein. Bei dem Spiel, einer sogenannten Schatzsuche, sind wie von Zauberhand, einige kleine Tüten mit Duplos, Kaubonbons und Lakritzstangen, einigen dummen Sprüchen wie „Buddeln macht Spaß“, „Wir buddeln uns einen Wolf“, u.ä. und Punkten im Sand versteckt worden. Damit es nicht zu schwierig wird, ist sogar der Strand abgegrenzt, damit sich unsere armen und geplagten Kinder nicht zu sehr anstrengen müssen. Und trotzdem war nach nur 10 Minuten Buddeln schon eine gereizte Stimmung im „Schaufelteam“ festzustellen. Nach weiteren 5 Minuten entstand offener Aufruhr, weil sich diese Tüten nicht freiwillig zeigten und aus dem Sand gekrochen kamen.
Ein gewisses Maulen und Meckern hatte uns fast die gesamte Freizeit über begleitet, aber so ein massives Verhalten war dann doch fast nicht mehr auszuhalten. Ich möchte zur Verteidigung der Kinder bemerken, daß dieses Spiel am vorletzten Tag stattfand. Ansonsten hätten wir Betreuer uns doch etwas einfallen lassen müssen. Eine Teilnehmerin hat es allerdings soweit getrieben, daß die sonst so freundlichen, liebevollen und immer Rücksicht auf die Kinder nehmenden Betreuer beinahe geplatzt wären. Da ging es ratz-fatz und unsere meckernde Grazie kam in eine waagerechte, kühle aber bequeme Lage: sie wurde kurzerhand bis zum Kinn eingebuddelt. Dann wurde sie mit etwas abgestandenem Nordseewasser auf den Namen „Mrs. Meckermann“ getauft.
Eigentlich wollten wir sie dort liegenlassen, aber die beiden Omas am Strand meinten, daß das Kind eine „Unterkühlung“ bekäme. Und das bei den Temperaturen! Also durfte sie wieder raus und sogar vor dem Mittagessen duschen, so gnädig, großzügig und wohlwollend können wir Betreuer sind. Ich habe sie danach nicht mehr meckern gehört.
Wo auch nicht viel gemeckert wurde, war auf unserer tollen Tour nach Helgoland, wenn auch aus anderen Gründen. Ich glaube, den 28. Juli 1992 werden wir so schnell nicht vergessen.
Aber das mit dem Meckern ist ja auch so: Meckern ist anstrengend und zeitaufwendig. Man kann entweder Meckern oder etwas anderes tun, beides gleichzeitig ist nicht möglich. Das war das Problem, als wir nach Helgoland fuhren. Erst war alles neu – kein Meckern. Dann, an Bord, war es zu windig – auch kein Meckern. Unter Deck war alles ruhig – ausnahmsweise mal kein Meckern. Aber dann ging es los.
Nein, nicht das Meckern, sondern das Kotzen. Jetzt war keine Zeit mehr zum Meckern. Die Nordsee war ein wenig unruhig – so Windstärke 5 bis 6.
Die ersten haben noch über die Reling gekotzt. Ha, war das witzig. Doch schnell wurden von freundlichen Seemännern die ersten Tüten verteil und jeder nahm dankbar an. Und kurze Zeit später kam von links eine Tüte, von rechts und von hinten. Jemand Fremdes drückte mir nur seine volle Tüte in die Hand, damit wir sie über Bord werfen konnten. Alles in die Nordsee – jetzt weiß ich, warum die Nordsee so verschmutzt ist. Es stürmte weiter, der größte Teil kotzt weiter oder saß apathisch in einer Ecke des Bootes und stöhnte vor sich hin, als plötzlich Tütenknappheit entstand. Also auf die Suche nach den netten Männern, die die Tüten so großzügig verteilten, aber auf Deck war keiner zu sehen. Unter Deck aber auch nicht. Dort war es sogar noch viel schlimmer. Hier lagen jede Menge im Gesicht grün angelaufene Häufchen Elend herum. Einige lagen auf den Bänken, andere auf dem Boden. Einer saß vor einem Mülleimer, den Kopf in denselben gesteckt entledigte er sich zum wer weiß wievielten Male seines Frühstücks. Wäre ich noch länger unter Deck geblieben, ich hätte mich neben ihn setzen können. Also wieder hoch. Dort lief mir auch der freundliche Seemann über den Weg, den Arm voll ungebrauchter Spuckbeutel. In dieser Situation lernt man aber auch zu teilen. Wenn jemand keine Tüte mehr hatte, haben wir häufig unsere letzte abgegeben – dann aber auch schnell dafür gesorgt, daß wir eine neue bekamen. Doch irgendwie endete diese Fahrt. Uns trennten jetzt noch etwa 50 Meter von Helgoland. Jetzt begann der eigentliche Schrecken dieser Fahrt – das Ausbooten. Doch das verlief dann ohne Probleme. So viele Personen, wie passten, wurden auf ein kleines Boot geworfen und ab ging´s Richtung Helgoland-Anleger. Dann wurde natürlich erst einmal gezählt, ob denn nun auch wirklich alle auf Helgoland gelandet sind. Und tatsächlich – alle 54 waren da, wenn auch etwas lädiert und weiß im Gesicht, auf Helgoland angekommen. Nun hätten wir Helgoland besichtigen können. Doch die „Lange Anne“ haben, glaube ich, nur 20 % gesehen. Die anderen haben sich über die Geschäfte hergemacht. Und da Helgoland ein ganz besonderes Geschäft hat, trafen wir uns dort auch fast alle wieder. Dieses Geschäft hieß Kochlöffel und war eine ganz normale Imbißstube. Vergessen war die Kotzerei – es gab nur noch Augen für Pommes, Hamburger und Bratwürstchen. Ich, vorsichtig wie ich bin, habe mich von 3 trockenen Brötchen ernährt, in der Hoffnung, daß es mir dann auf der Rückreise auch gut gehe. Erst als der Kochlöffel geplündert war, kamen den ersten kluge Gedanken: „Oh je, die Rückreise und ich habe so viel gegessen ...“ – oder „Müssen wir jetzt mit dem Schiff nochmal zurück???“ Insgeheim habe ich mich (mit meinen 3 Brötchen) auf die Rückfahrt gefreut. Aber, ungerecht wie das Leben nun mal ist, die See war jetzt wesentlich ruhiger, Schluß war mit der Kotzerei. Einen leeren Kotzbeutel habe ich retten können. Er liegt jetzt bei mir zuhause – zur Erinnerung an den 28. Juli 1992.
Ärzte haben wir in diesem Jahr gar nicht aufsuchen brauchen. Zum einen hatten wir ja fähige Betreuer mit und zum anderen hatten wir auch ausreichende Mittel zur Bekämpfung von Husten und Halsschmerzen dabei. Abends konnte man durch die Zimmer rennen und jedem Zweiten eine Tablette oder einen Löffel Hustensaft in den Hals stecken. Diese Erkältungen lagen aber wohl hauptsächlich an dem ständigen Durchzug, der in der Jugendherberge herrschte. Da alle Fenster und Türen fast immer geöffnet waren, stand man dauernd im Zug oder es knallten irgendwo Türen. Selbst nachts war der Durchzug noch so stark, daß man jedes Türen-Schließen, selbst das besonders leise, noch eine Etage höher hörte. Dass die Klinken dazu da sind, die Türen vernünftig und leise zu schließen, haben die Kinder nicht verstanden. Ein Mädel hatte selbst in der letzten Nacht noch Probleme mit diesen Türen. Kaum war sie auf dem Jungenflur – und das war sie häufig – war auch sofort wieder ein Betreuer da (aufmerksam geworden durchs Türen-Knallen) und hat sie wieder auf ihr Zimmer gebracht! Ja, ja die T....!!
So schnell, wie es hier zu lesen ist, ging unsere Fahrt zwar nicht vorüber, aber meiner Meinung nach verging die Zeit trotzdem noch viel zu schnell. Da hat man gerade ausgepackt – und hast du nicht gesehen – muß man schon wieder einpacken.
Es gibt natürlich noch einiges mehr zu erzählen: vom Packen, von den Betreuern, vom Strand und von vielen kurzen Momenten – doch alles wollen wir dann doch nicht verraten.
Ich hoffe, die Fahrt hat allen so gut gefallen und so viel Spaß gemacht wie mir. Leider hören wir ja immer nur: Ja, ja, war ganz schön.
Aber die Erlebnisse in einer Gruppe, selbst (oder gerade?) in einer so großen, sind einfach so stark, daß man sie nicht so leicht vergessen kann – und auch nicht vergessen möchte. Unsere 500 Dias werden uns dabei helfen.
Wenn eine Fahrt so toll abläuft, dann vergißt man auch sofort die gesamte Arbeit und den Streß, den man während der Vorbereitung hatte. Da sind Anmeldung, Vorfahrt, Vorbesprechung, Elternabend, packen, einkaufen und an jede Menge Kleinigkeiten zu denken. Aber ich muß sagen, die Arbeit hat sich auch in diesem Jahr wieder gelohnt.
Natürlich kann man diese Arbeit nicht alleine machen. Mitgeholfen haben uns: H. Pastor Gaberle, Peter Stachowiak, Manfred Hackmann, Mike Filzen, unsere Pfarrsekretärin Margret Krämer und natürlich auch die Verbände unserer Gemeinde, die KAB, die Frauengemeinschaft und die Kolpingfamilie. Ihnen allen gilt ein ganz herzliches „Danke schön“.
Aber besonders zu erwähnen sind nochmal die Betreuer, die keine Mühen gescheut haben, um dieser Fahrt zu ihrem Erfolg zu verhelfen: Rita Borgmeier, Tanja Kandula, Kerstin Lindner, Nicole Maass, Sandra Mader, Michael Borgmeier, Jörg Heising, Marcus Mundrey, Klaus Thissen, Thorsten Voß, Markus Welling und Peter Hein, der leider über die Vorbereitungen nicht hinausgekommen ist. Ihnen gilt ein besonderer Dank, daß sie ihre Zeit und Nerven in diese Fahrt investiert haben. Aber ich glaube auch sie haben diesen Einsatz gerne geleistet.
Die Planungen für 1993 sind schon auf vollen Touren; dann wird die 5. Ferienfreizeit stattfinden. Hoffentlich bekommen wir auf unserer Jubiläumsfahrt nochmal so viel Spaß. Im nächsten Jahr wir die kath. Jugend St. Antonius wieder irgend eine Gegend unsicher machen – wünschen wir ihnen allen schon jetzt viel Glück und .... toi, toi, toi.
 
Ich danke nochmal allen Teilnehmern und Helfern für diese schönen 14 Tage in Schillig an der Nordsee!
 
Dirk Filzen   

 

 

 

aktualisiert am 01. Juli 2017

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